Es war einmal..
Aktualisiert: 19. Aug.
Seit 2004 bin ich in diversen Fotoforen unterwegs. Die allgemeine Aktivität in diesen Foren hatte zwischen 2009 und 2014 ihren gefühlten Höhepunkt. Seither verlagert sich das Interesse der Fotointeressierten zunehmend zu Instagram, TikTok, YouTube und anderen Social-Media-Kanälen. Und seit dem Aufkommen der Smartphones werden natürlich auch immer weniger Kameras verkauft. Folgende Grafik von der Seite 'statistica.com' zeigt dies eindrücklich:

Heute gibt es nicht mehr viele aktive Fotoforen. In denjenigen, in denen noch ein halbwegs moderater Umgangston gepflegt wird, liegt das Durchschnittsalter der Forenten häufig über fünfzig.
Apropos Ente: Die Zahlen im folgenden Text sind nicht recherchiert, sondern aus meiner Erinnerung abgerufen. Sie spiegeln vielmehr meine persönlichen Empfindungen zu den jeweiligen Themen wider und können deshalb durchaus von der Realität abweichen. Was im Internet heutzutage ja eher die Regel als die Ausnahme ist. Früher wurde so etwas mit „NT“ oder „n.t.“ gekennzeichnet. Das stand für „not testified“ und bezeichnete Artikel, deren Quelle oder Herkunft unklar und nicht überprüft war. Also im Grunde das, was heute im Netz allgegenwärtig ist.

Als ich 1982 mit der Fotografie anfing, konnte ich mir als Lehrling gerade mal eine Cosina CT-1 leisten. Zweimal im Monat ging ich ins Labor, um Vergrösserungen von Schwarzweissfilmen anzufertigen. Ein halbes Fach im Kühlschrank war mit Filmen und Fotopapier vollgestopft.
Man traf sich mit Gleichgesinnten jeden Alters und fachsimpelte über Chemie, Papier und Film. Je nach bevorzugter Marke traf man sich in einem der fünf Fachgeschäfte in der Innenstadt. Auf Reisen wurde man manchmal sogar angesprochen, weil jemand dieselbe Kamera oder dasselbe System hatte. Alles spielte sich noch in der realen Welt ab – physisch, vor Ort und von Mensch zu Mensch.
Natürlich war die eigene Marke immer die beste und alles andere Schrott. Darüber konnte man stundenlang diskutieren. Vielfach war uns dabei gar nicht bewusst, dass unter verschiedenen Markennamen teilweise dieselbe Technik steckte. Nikon und Pentax beispielsweise waren damals unter dem Dach von Mitsubishi zusammengeführt, und auch die Entwicklung wurde teilweise gemeinsam betrieben. Die erwähnte Cosina CT-1 gab es ebenfalls unter diversen anderen Markennamen – unter anderem als Nikon FE10, FM10, Olympus OM2000 und Canon T60.

Hatte ich damals ein Problem mit einer Kamera oder einem Objektiv, rief ich bei Pentax direkt an. Ich kannte den dortigen Techniker beim Namen – und er kannte mich. Eine Kamera war damals noch ein mechanisches Wunderwerk wie die Pentax LX oder ein Traktor wie die Pentax MX. Mit der Pentax SFX hatte ich dann erstmals eine Kamera mit Autofokus.
Gefühlt gab es damals mehr als ein Dutzend „wichtige“ Kameramarken. Beworben wurden sie mit Sprüchen wie „Kuck mal, Konica!“ oder „Share your passion“ in den Printmedien. Der Kiosk war voll mit deutsch- und englischsprachigen Fotomagazinen, einige davon ausgesprochen hochwertig und im Grossformat produziert.

Noch im Jahr 2000 liess ich mich zu der Aussage hinreissen, dass es noch ewig dauern würde, bis digitale Kameras so gut seien wie analoge.
Was kümmert mich das Geschwätz von gestern? Auf einmal ging es verdammt schnell.
Ich hatte immer darauf gewartet, dass Pentax endlich etwas Neueres als die 1991 vorgestellte Z1 auf den Markt bringen würde. Es sollte allerdings bis 2015 dauern, bis Pentax seine erste digitale Spiegelreflexkamera im Kleinbildformat vorstellte.
Irgendwann 2004 kam dann ein digitaler Apparat in Form einer Canon 20D ins Haus. 2005 stellte Canon mit der EOS 5D die erste bezahlbare digitale Kleinbild-Spiegelreflexkamera vor.
Zu dieser Zeit gab es noch vier Händler in der Innenstadt. Man traf sich physisch in Gruppen und an Jahrestreffen, um die neuesten Fotos und Erfahrungen auszutauschen. Den Techniker von CPS kannte man persönlich in Urdorf. Es gab noch gefühlt etwas mehr als ein halbes Dutzend relevante Kameramarken. Und um 2005 oder 2006 herum tauchte ein geniales neues Medium auf: YouTube. Ein paar Kreative konnten dort ihren Schwachsinn hochladen – und plötzlich konnte ihn die ganze Welt anschauen.
Fotoforen schossen wie Pilze aus dem Boden und Fotomagazine waren omnipräsent. Jeden Monat erschien gefühlt ein neues Kameramodell, das in irgendeinem Magazin ausführlich analysiert und getestet wurde.
Um 2008 herum kam dann der Videohype in die Fotokameras. Die Menüs wurden immer umfangreicher und komplizierter. Leica stand wieder von den Toten auf und verkaufte zunehmend mehr Kameras – vielleicht auch deshalb, weil diese vergleichsweise simpel gestrickt waren und es auch immernoch sind.
Es gab inzwischen nur noch ein halbes Dutzend relevante Kameramarken und vielleicht noch zwei Händler in der Innenstadt. Die Foren hatten Hochkonjunktur, man traf sich weiterhin in physischen Gruppen und tauschte sich aus.
Canon Schweiz wurde zunehmend unpersönlicher und virtueller und vergab Servicearbeiten an Drittfirmen. Von nun an gehörte das Lösen von Servicenummern und das Herumschlagen mit Callcentern zum neuen Serviceerlebnis.

Spätestens 2024, mit der Einführung der Canon EOS R5 Mark II, wurde deutlich, dass Video inzwischen mindestens so wichtig geworden ist wie die Fotografie. Separate Modelllinien für Fotografen und Videografen werden kaum noch entwickelt. Alles ist eins. Und manchmal braucht man schon fast einen IT-Abschluss, um diese Dinger bedienen zu können.
Werbung findet eigentlich nur noch über Schwachsinnige statt, die ihren Content hochladen, dabei das Blaue vom Himmel versprechen und alles Negative geflissentlich unter den Teppich kehren. Bei der neuen EOS R5 Mark II fallen mir da durchaus einige Schwachstellen ein.
Man trifft sich heute in Gruppen auf Social Media – virtuell und dafür weltweit. Es gibt gefühlt noch vier Fotoforen rund um den Globus, die diesen Namen verdienen. Und auf dem Systemkameramarkt sind inzwischen weniger als ein halbes Dutzend relevante Kameramarken übrig: Sony, Canon, Nikon, Fuji und Panasonic.
Nikon war einst Marktführer und ist inzwischen auf unter 20 Prozent Marktanteil gerutscht. Olympus – heute OM System – ist praktisch von der Bildfläche verschwunden. Fuji hat offenbar von Leica gelernt und versucht, möglichst einfache Kameras zu bauen.
Ob es überhaupt noch Fotomagazine als Printausgabe gibt? Keine Ahnung, vermutlich kaum noch. Ach ja, zwei Fotoläden gibt es noch in der Innenstadt. Der eine führt fünf Kameramarken, der andere Leica. (Nachtrag: Eine Woche, nachdem ich diese Zeilen geschrieben hatte, ist auch der letzte Fotoladen in Basel pleitegegangen. Ausser dem Leicashop – den gibt es noch.)

War es am Anfang noch ein Computer, welcher die Kalkulation übernahm damit ich mich der Kreativität widmen kann (siehe Ad Spotmatic), so ist die Kamera mir inzwischen 'über' und 'geboren um zu herrschen' .
Die R5 Mark II wird meine letzte Kamera dieser Art sein. Es sei denn, Canon schafft es, sich wieder auf das Fotografieren zu konzentrieren. Nikon macht mit der Zf immerhin einen ersten Schritt in diese Richtung. Ganz durchdacht ist sie allerdings noch nicht. Aber die Hoffnung besteht, dass mit jeder neuen Version weniger Funktionen dazukommen und nicht mehr. Weniger Computer, mehr Kreativität.
Was brauche ich mehr wie Zeit, Blende und ISO?
2030 werden wieder Fotografen für die Entwicklung von Kameras zuständig sein und dem Marketing vorgeben, was es zu bewerben hat. Der Produktzyklus wird auf sechs Jahre verlängert. Einen lokalen Fotohändler gibt es nicht mehr – ausser dem Leica-Laden. Der andere Fotoladen ist inzwischen ein Museum und lockt Touristen aus Asien an.
Es gibt nur noch ein einziges Fotoforum, und man trifft sich wieder physisch in Gruppen. Da das Durchschnittsalter inzwischen über 70 liegt, finden die Treffen in Seniorenzentren statt.
Der Fotograf ist wieder Herrscher über die Kamera.



Kommentare