Röhren und Trompeten an der Ostsee
Ende September ist die Hirschbrunft normalerweise auf ihrem Höhepunkt und der Kranichzug in Richtung Süden beginnt. Um beides mitzuerleben, bietet sich Norddeutschland an, und hier speziell die Landschaft rund um Zingst und Prerow. Wer weiss, wie lange man die grossen Kranichzüge noch beobachten kann, sollten die Winter tatsächlich immer milder und schneeärmer und die Vögel dadurch sesshafter werden. Schon heute ist zu beobachten, dass viele Vögel keine Langstrecken mehr fliegen sondern in Frankreich überwintern.

War der >Kranichzug in Schweden< im April schon ein tolles Erlebnis, geht es nun in der zweitletzten Septemberwoche an den Darßer Ort und in die Sundischen Wiesen bei Zingst. Für den nötigen Spannungsaufbau zu Beginn der Reise sorgt die Anreise im Nightjet mit einer Lok der Deutschen Bahn.

Die Betonung auf den Eigentümer der Lok ist wichtig, denn der Rest des Zuges gehört der SBB und der ÖBB. Und prompt findet die Deutsche Bahn ihre Lok nicht, sodass wir im Bahnhof Basel erst einmal mehr als zwei Stunden stehen. Und ohne Lok laufen die Wagen auf dem Notnetz und die WC-Spülung wie auch die Lüftung funktionieren nicht. Es ist ja nicht so, dass der Zug täglich fährt und eine Lok benötigt wird.
Kurz nach Mitternacht geht es dann in Richtung Hamburg endlich los, wo wir den ICE nach Stralsund nehmen.

Mit moderater Verspätung von zwei Stunden mieten wir dort unser Auto und fahren direkt zum Darßer Ort, wo wir zu den Brunftplätzen der Hirsche wandern.

Die Hirsche scheinen allerdings einen Ruhetag einzulegen. Kurz vor Sonnenuntergang zeigen sich immerhin zwei Tiere und lassen kurz ihr Röhren hören. Im Laufe der Zeit erfahren wir, dass die Brunft dieses Jahr sehr früh im September ihren Höhepunkt hatte und nach kurzer Zeit bereits wieder abflachte. Ein Zeichen des heissen Sommers?


Am nächsten Morgen geht es bereits um halb sieben mit einer Bootsfahrt los, um das Erwachen der Kraniche mitzuerleben.

Leider schiebt sich ausgerechnet pünktlich zum Sonnenaufgang eine dicke Wolke vor die Sonne. Trotzdem gelingt das eine oder andere Bild.



Dieses Jahr scheinen die Kraniche etwas spät dran zu sein. Der erste grosse Zug ist erst gerade eingetroffen. Beim Kranorama in Günz wurden am 22. September rund 800 und am 23. bereits 2300 Vögel gezählt. Auch die Windverhältnisse scheinen günstig zu sein (sie brauchen Rückenwind), sodass in den nächsten Tagen noch deutlich mehr Kraniche eintreffen sollten. Bis jetzt ist es der niedrigste Wert seit 10 Jahren.


Vor einem Jahr wurde der Kranichzug von der Vogelgrippe überschattet und dieses Jahr hatten die Vögel Pech mit der Brut. Die Kraniche sind Bodenbrüter und legen ihre Nester ins flache Wasser, damit die Eier und Küken vor Fressfeinden geschützt sind. Dieses Jahr sind durch die Trockenheit im Frühjahr viele Ufer und Sümpfe ausgetrocknet und für Füchse, Dachse und Wildschweine ist es ein Leichtes, um an die Nester zu kommen. Der Klimawandel lässt hier nichts Gutes vermuten.



Am Nachmittag machen wir uns mit dem Mietrad in Richtung Pramort auf. Zu Fuss nehmen wir noch die grosse Düne mit und warten anschliessend im Schilf auf die Tiere, die hoffentlich noch kommen werden.

Der Pramort bildet die östlichste Spitze der Halbinsel Zingst. Während des Kranichzugs wird die Anzahl der Besucher ab drei Uhr auf 60 Personen begrenzt. Die entsprechende Bewilligung kann man online reservieren.

Als Erstes ärgern wir uns über ein paar Idioten, die es leider überall gibt und die einen Fuchs mit Äpfeln anfüttern, um ein besseres Foto zu bekommen. Es geht auch ohne füttern.

Nach dem Fuchs zeigt sich dann noch ein junges Reh im Schilf.

In weiter Ferne liegt ein Hirsch mit seinem Brunftrudel und Dammwild huscht über den Damm. Ob es deshalb seinen Namen hat? Mit der Zeit wird auch ein Hirsch etwas näher im Schilf sichtbar und zieht dann in 400 Metern Entfernung durch das Wasser.

Und nein, Dammwild kommt nicht von Damm sondern Dänenwild oder Dannewild.


Als die Kraniche schliesslich einfliegen, weiss man kaum, wohin man schauen soll. Auf der einen Seite die Kraniche, auf der anderen Dammwild, welche das flache Wasser beim Kranichrastplatz durchqueren.



Um sieben Uhr wird es langsam zu dunkel und wir müssen uns auch auf den Rückweg machen. Dabei zeigt sich dann noch ein Wildschwein auf einer Lichtung. Es war schon recht dunkel.


Am nächsten Tag wollten wir um halb fünf Uhr morgens aufstehen und wieder zum Darßer Ort fahren. Doch das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung: Es regnet heftig. Also machen wir uns am Vormittag auf den Weg in Richtung Kranorama in Günz.



Rund um das Kranorama sitzen bereits einige Kraniche auf den frisch angesäten Feldern. Die Bauern wird es freuen ihre Saat als Vogelfutter zu sehen. Beim Fotografieren der Vögel ist zu beachten, dass die Fluchtdistanz von 300 Metern nicht unterschritten wird. Ein Teleobjektiv mit 600mm Brennweite ist hier von Vorteil.


Beim Füssevertreten und Kraniche auf den Feldern fotografieren zeigen sich noch Rehe auf dem Damm und Seeadler in der Ferne.


Nach zwei Fischbrötchen im Dabitzer Hafen geht es dann wieder in Richtung Pramort.
In rund einem Kilometer Entfernung pflügt ein Hirsch durch das Wasser. Leider flimmert durch die Sonneneinstrahlung die Luft und an ein (technisch) vernünftiges Foto ist nicht zu denken. Mit etwas Bearbeitung sieht es aber ganz passabel aus.





Und auch hier zeigen sich schon bald Fuchs und Wildschweine. Die Schweine sind rund eine Stunde lang zwischen den Blättern des Waldes zu sehen, bis sie schliesslich auf das offene Feld kommen. Dort pflügen sie zu fünft die Wiese um. Es sind zwei grosse Tiere und drei Ferkel.



Auch Damwild taucht aus dem Schilf auf und rennt Richtung Wald, doch es ist schon ziemlich dunkel.



Zum Abschluss unseres Aufenthalts in Zingst zeigt sich auf der nächtlichen Heimfahrt noch eine Wildschweinfamilie, während im Hintergrund ein Hirsch zu sehen ist. Es war schon recht dunkel. Für denjenigen der damit etwas anfangen kann: Brennweite 600mm, Blende 4.5, Zeit 1/160s, -ISO 12‘800. Leider waren viele Grasbüschel im Weg und die Kamera hat sehr gerne auf diese fokussiert.


Am nächsten Tag geht es mit der Deutschen Bahn zurück. Der Nervenkitzel ist vorprogrammiert.
In den paar Tagen durften wir hautnah erleben, wie uns die fortschreitende Digitalisierung den Alltag „erleichtert“. Das Abenteuer beginnt bereits bei der Anreise: Wer die Absicht hat, nach 22:00 Uhr einzutreffen, darf sich auf ein intellektuelles Duell mit der KI des telefonischen Hotel-Check-Ins freuen. Hat man diesen Endgegner bezwungen, wartet der digitale Schlüsselautomat, ein Ausbund an Empathie. Selbst nach gutem Zureden und drei zärtlichen Versuchen weigert sich das Gerät standhaft, Beute in Form eines Zimmerschlüssels auszuspucken.
Die Rückfahrt stand dem in nichts nach. Der DB-Navigator fordert uns via QR-Code zum Komfort Check-in am Sitzplatz auf. Dies ist ein Ansinnen, das erwartbar kläglich scheitert. Wer danach Trost im ICEportal sucht, um den Frust mit einem Gin-Tonic herunterzuspülen, wird von der digitalen Gastrowelt ebenfalls elegant abserviert. Nach dem x-ten Fehlversuch kapituliert das System und schlägt via Fehlermeldung vor, man möge sein Glück doch ganz altmodisch beim echten Bordpersonal versuchen. Ein Hoch auf die digitale Transformation!



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