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Carl Zeiss Jena Biotar 1.5/75mm

Aktualisiert: 3. Dez 2018

Man ist das dick Mann! Und für sein Alter von 55 Jahren erstaunlich fit, zumindest der erste Eindruck des Carl Zeiss Jena Biotar 1.5/75mm hinterlässt einen bleibenden Eindruck noch bevor man ein Bild damit gemacht hat. Wie üblich soll der nachfolgende Text kein Testbericht sein, sondern die Erfahrungen des Objektives an der Sony Nex sowie an der Canon EOS 5D Mark 2.5 zeigen. Mir geht es in erster Linie um die „Fehler“ des Objektives, welches diesem gegenüber heutigen Objektiven, welche in der Kamera korrigiert werden, den Charakter geben.


Das Carl Zeiss Biotar von 1927 basierte auf dem Planar (GaussDoppelobjektiv mit 6 Linsen in 4 Gruppen) und wurde ursprünglich für den Kinofilm gerechnet. Es war bei Offenblende ungenügend korrigiert und die Schärfe nur gerade in der Bildmitte brauchbar und dabei nicht gerade kontrastreich. Da es aber vor allem Verwendung für Kinofilme oder als Portraitobjektiv fand, störte diese Einschränkung nicht. Im Gegenteil, gerade bei Portraits lenkt es den Blick des Betrachters in die Mitte und schmeichelt der Haut des Portraitierten.


1936 kam das Carl Zeiss Jena 1.5/75mm für die Exakta heraus und dabei wurden die Unzulänglichkeiten des Filmobjektives vererbt. Bis 1952 hatte es eine zylindrische Bauform und wurde in 2 Versionen gebaut, wobei die Kriegsvariante es nur gerade auf 1000 Stück brachte. Die Dritte und meistverbreitete hatte einen bauchigen Tubus und wurde bis 1961 gebaut. Vom Biotar gibt es Versionen mit 18 und solche mit 10 Blendenlamellen.


Das Objektiv hat in den letzten 4 Jahren eine extreme Preissteigerung hinter sich und Exemplare im gesuchten M42-Anschluss in schlechtem Zustand erreichen Preise im Bereich von CHF 1’000 und mehr. Mein Exemplar hat ein Exakta-Bajonett und ist die dritte Version. Die „Q1“-Gravur auf dem Frontring weisst es als Weltmarktspitzenerzeugniss der ehemaligen DDR aus und war das höchste Qualitätssiegel. Die Exakta-Variante ab 1952 (Fat-Model, Version 3) ist relativ häufig und daher um einiges günstiger (Faktor 1.5 bis 3) zu finden wie die M42-oder Vorkriegsobjektive. Die optische Rechnung ist bei allen drei Versionen dieselbe.


BEDIENUNG

Was auffällt, obwohl es auf den Fotos wuchtig aussieht, bringt es gerade mal 520g auf die Waage und ist mit einer Länge von 75mm auch recht kompakt geraten.


Scharfstellen an der Nex mittels Focus-Peaking ist etwas eine Herausforderung, ist doch der Kontrast bei Offenblende etwas schwach dazu. Beim Abblenden kann ein leichter Fokusshift passieren.


Die Naheinstellgrenze liegt bei kurzen 0.8 Metern. Mein Exemplar war für den Export gedacht und die Skala ist in Fuss und Meter graviert. Das Objektiv hat eine Vorwahlblende, welche in den frühen Fünfzigern eingeführt wurde. Durch drücken und drehen kann man die gewünschte Blende vorwählen. Beim Scharfstellen dreht man am Blendenring diesen ganz auf und kurz vor der Auslösung schliesst man die Blende, indem man den Ring bis zum Anschlag dreht. Der Vorteil dabei ist, dass man dabei das Auge nicht vom Sucher nehmen muss.


Das uralte Exakta-Bajonett ist in der Regel aus Stahl, ist einfacher wie viele andere anzubringen, die Skalen sind lagerichtig und das Objektiv arretiert (Verriegelungshebel mit Feder). Unglücklich für heutige Kameras ist, dass das Exakta-Bajonett in den Spiegelkasten hineinragt. Ich verwende daher eine am Spiegel modifizierte Canon EOS 5D Mark 2 dazu.


SCHÄRFE, KONTRAST, FARBEN

Die Auflösung von Details ist bei Offenblende wie Eingangs beschrieben nicht schlecht, allerdings mit flauem Kontrast. Aus der Mitte hinaus um Rand hin nimmt die Auflösung auf kümmerliche Werte ab und die Vignettierung zu. Dies mag im Testbericht ein Todesurteil für ein Objektiv sein, in der Praxis hingegen kann damit ein Subjekt hervorragend betont und herausgearbeitet werden. Die Farben sind dabei immer recht brilliant und echt.


Das Objektiv hat bei Offenblende auch einen Tunneleffekt, hervorgerufen im Unschärfebereich des Hintergrundes durch einen Dreheffekt (Swirley Bookeh oder Cat’s Eye Effect). Dieser Effekt ist nicht für alle Objekte geeignet. Der Vordergrund bleibt dabei erstaunlich crémig.


Der Effekt wie auch das Bokeh ist allerdings auch extrem abhängig von der Distanz zwischen Fotograf zu Objekt und Hintergrund. Hier ein Beispiel mit demselben Hintergrund, allerdings einmal etwa 1.5 Meter und das andere Mal etwas mehr wie 3 Meter Abstand zum Schilf.




Abgeblendet auf 2 oder kleiner reduziert sich die Vignettierung sowie das Swirley Bokeh und die Schärfe gegen den Rand hin steigt an. Die Schärfe wird aber erst ab 2.8 am Rand wirklich brauchbar und ab 5.6 bei APSC sowie 8 bei Vollformat exzellent. Auch die sowieso spärlich sichtbaren CAs sind dann komplett verschwunden. Objekte in der Bildmitte erhalten einen dreidimensionalen Charakter. Die Schärfe wie auch die CAs in der Bildmitte sind bei Blende 2 schon sehr gut, hier ein 1:2-Ausschnitt, beim Klicken auf das Bild ist das Gesamtbild bei Offenblende zu sehen:

Zur damaligen Zeit wurde noch Blei in den Glassorten verwendet. Die Farben solcher Objektive haben eine ganz andere Brillianz und Glanz und bietet bei Blumen selbst in roten Flächen noch feinste Nuancen an Farbschattierungen. Ein modernes Objektiv wird dieselbe Fläche plakativer wiedergeben.


Ich kenne kein weiteres Objektiv, welches seinen Charakter dermassen ändert. Dies muss nicht schlecht sein, der Fotograf muss sich dessen aber bewusst sein und kann so seine Bilder je nach Vorstellung ändern. Das CZJ Biotar 1.5/75mm hat eine komplett anderes Verhalten wie das Biotar 2/58mm und ist nicht vergleichbar, dieses wurde extra für Kleinbild gerechnet und ist nicht erblich von den Kinoobjektiven her vorbelastet. Es ist allerdings schade, wenn das Objektiv an einer APSC-Kamera wie der Nex-6 betrieben wird, es wird viel von seinem Charakter beschnitten.


Und trotz all seiner Unzulänglichkeiten hat und hatte das Biotar 75mm einen hervorragenden Ruf. So griff Nikon 30 Jahre später die Konstruktion wieder auf. Wenn man das Diagramm des Nikkor-H 85mm f/1.8 ansieht, so ist es praktisch dasselbe Konstruktion, und doch können zwei Objektive ncht unterschiedlicher in ihrer Art sein.


BLENDENSTERNE, FLARES & GHOSTS

Das Objektiv ist erstaunlich resistent bei Gegenlicht und „schöne“ Flares lassen sich nicht erzeugen. Hier ein Beispiel gegen einen Scheinwerfer und Offenblende:


Bei Blende 2.8 wird es bereits schwierig, ein Geisterbild oder Blendenflecken im Bild zu erzeugen, auch ist der Kontrastverlust durch die Überstrahlung des Scheinwerfers ziemlich lokal und der Rest des Bildes bleibt erstaunlich kontrastreich:


Hier bei seitlichem Licht ausserhalb des Objektives und Offenblende, bei diesem Motiv so gewollt. Dabei bleibt der Kontrast bei der Figur erstaunlicherweise gut erhalten. Bei Blende 2.8 ist der Flare komplett verschwunden:




Schöne Blendensterne lassen sich bereits ab Blende 5.6 mit 10 Strahlen erzeugen, hier ein Beispiel von der Herbstmesse in Basel. Man beachte auch die gute Farbwiedergabe an der Canon 5D Mark 2 trotz ISO 5000:



FAZIT

Das Carl Zeiss Jena Biotar 1.5/7.5cm ist kein Objektiv für jeden Tag und jede Gelegenheit. Das Objektiv hat ein „Swirling Bokeh“ und seine Eigenschaften ändern sich je nach Entfernung und Blendenöffnung. Dieses alleine fordert den Fotografen, sich intensiv mit dem Teil auseinander zu setzen. Hat man dies getan, dann kann man mit dieser interessanten Linse charaktervolle Bilder mit brillianten Farben zaubern. Je mehr man sich mit dem Objektiv beschäftigt, umso interessanter wird es, damit zu fotografieren und zu lernen, wozu man das Objektiv gebrauchen kann und wozu nicht.



Der einzigartige Charakter zeigt sich vor allem an Vollformatkameras, aus diesem Grund fehlen hier Beispielbilder mit der Nex-6. Ein Wehrmutstropfen ist der hohe Gebrauchtpreis des Objektives.



TECHNISCHE DATEN DES VERWENDETEN OBJEKTIVES:

Carl Zeiss Jena Biotar 75mm f/1.5

Anschluss: Exakta Baujahr ca. 1957

Konstruktion: 6 Elemente in 4 Gruppen

Blendenlamellen: 10

Bildwinkel Vollformat / APSC: 32° / 21°

Blendenbereich: f/1.5 bis f/16

Distanzskala: 0.8m bis unendlich

Gewicht: 530 g

Abmessungen: D 76mm, L 75mm, Filter 58mm








Carl Zeiss Jena Biotar 1.5/75mm bei f/1.5


Carl Zeiss Jena Biotar 1.5/75mm bei f/2


"Talent ist wichtiger als Technik"

- Andreas Feininger -

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